Was am Sonntag, dem 26. Juni 2011 im Kultur- und Kongress-Zentrum Gersag Emmenbrücke am „Diskussions-Anlass“ namens „Muslime in der Schweiz/Europa – wie weiter?“ passiert ist, spottet jeder Beschreibung. Der von Exponenten der JSVP ziemlich kurzfristig organisierte Anlass wirbelte einiges an Staub auf und musste schliesslich abgebrochen werden.
Die Stimmung vor der Veranstaltung war angespannt. Die Junge SVP agierte äusserst schlitzohrig und mietete den grossen Saal im Gersag ausgerechnet an jenem Tag, an dem der Verein Islamische Jugend Schweiz (VIJS) zuvor ein eigenes Seminar durchführen wollte. Als Gastredner waren Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) und der „Islamische Eheberater“ Abu Jibril aus Deutschland eingeladen. Im Fall Blancho setzte sich die JSVP dafür ein, dass dieser in gemeindeeigenen Räumlichkeiten nicht auftreten dürfe. Im Fall Abu Jibril wurde laut IZRS eine Einreisesperre verhängt, was aber von Seiten der Fedpol bisher nicht weiter kommentiert wurde.
Verwirrung um die Saalvermietung
Als die JSVP im Zentrum Gersag nachfragte, ob der Saal bereits verbindlich reserviert sei, wurde diese Frage verneint. Daraufhin wurden kurzerhand einige Telefonate geführt und ziemlich schnell waren die SVP-Nationalräte Felix Müri und Lukas Reimann, sowie SP-Nationalrat Andy Tschümperlin und Valentina Smajli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam bereit, am Anlass der Volkspartei als Referenten teilzunehmen. Geplant waren jeweils 10-minütige Referate, gefolgt von einer 40-minütigen Diskussionsrunde der Referenten und anschliessender Fragerunde mit dem Publikum.
Der Sekretär des VIJS Florim Steiner erklärte, dass die Art und Weise der Reservation nach den bisher gängigen Methoden verlief, die man sich gewohnt gewesen sei. Ein derartiges Missverständnis sei vollkommen neu. Der Verein sagte jedoch sein Seminar nicht ab, sondern verschob lediglich den Standort. Neuer Zielpunkt war der Bahnhof Luzern. Obwohl bereits ein unterschriebener Vertrag vorlag und die Kaution bezahlt war, machte die Bahnhof Restauration Luzern AG im letzten Moment noch einen Rückzieher.
Aufgeheizte Stimmung
Diese Tatsachen und die eingetroffene Meldung, dass Abu Jibril die Einreise in die Schweiz verweigert wurde, löste unter den Muslimen eine zornige Stimmung aus. Die Rede war von Bekämpfung der Islamophobie und in gemeinsamer Übereinstimmung entschlossen sich die Teilnehmer, den Anlass der JSVP in Emmen zu besuchen.
Dabei war eines auf jeden Fall sicher: Ohne den Aufmarsch der gut 200 Muslime wäre der Anlass für die JSVP eher blamabel geworden. Lediglich 15 bis 20 nicht-muslimische Nasen bewegten sich bei sonnigen 30 Grad ins Zentrum Gersag. Dennoch war der Medienaufmarsch enorm. Vom Schweizer Fernsehen über 20 Minuten bis Keystone waren viele Medien-Schaffende vertreten.
Die Situation war ziemlich erregt und es war nicht klar, mit welchem Motiv die Exponenten des IZRS und VIJS auftraten. Wie sich später herausstellte, war ihr Hauptmotiv eine „selbstinterpretierte Gerechtigkeit“.
Der Teufelskreis nahm seinen Lauf
JSVP-Präsident Anian Liebrand eröffnete den Anlass und begrüsste vor allem auch die muslimischen Zuschauer und hiess sie willkommen, solange sie den Anstand wahrten. Als erster Gastredner referierte Andy Tschümperlin. Der SP-Politiker schürte unbewusst den Ärger im Publikum, indem er den Islam als fremde, quasi ausländische Erscheinung darstellte und von Integration fremdländischer Werte sprach. Dabei entging ihm, dass viele, vielleicht sogar die meisten der Zuschauer, Konvertiten mit Schweizer Wurzeln waren. Wenigstens blieb noch ein Mitleidsapplaus für ihn übrig, bevor Felix Müri auf die Bühne trat. Kaum ergriff Müri zur Begrüssung das Wort, wurde er mit lauten Buhrufen unterbrochen. Entschlossen erst weiter zu machen, wenn Ruhe einkehrte, hörte der Emmer SVP-Nationalrat, wie die Zwischenrufe und Buhrufe immer lauter wurden, bis er sich schliesslich entschied, das Podium zu verlassen. Die Menge empfand dies als grossen Siegesmoment und jubelte lauthals. In diesen tumultartigen Zuständen verliessen Müri und SVP-Nationalrat Lukas Reimann, der ebenfalls als Referent geladen war, den Saal. Erschreckt von der Situation, vielen war die Angst ins Gesicht gemeisselt, verliess auch Andy Tschümperlin den Saal. Valentina Smajli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam ergriff kurz darauf das Wort, um die Situation zu schlichten. Sie wollte in ihrem Referat zwar aufzeigen, wie die SVP dem Islam schade, konnte die Masse mit diesem hilflosen Versuch jedoch nicht auf ihre Seite bringen. Die Buhrufe wurden sogar noch schlimmer und mehr und mehr neutrale Zuschauer begannen den Saal zu verlassen. Anian Liebrand blieb nichts anderes übrig, als die Veranstaltung abzubrechen.
Alle haben verloren
Eines steht jedenfalls fest. Durch ihr aufrührerisches Verhalten haben die muslimischen Aktivisten sich ins eigene Fleisch geschnitten. Die Medien werden ihren Auftritt gegen sie richten und das Bild des Extremisten stärken. Gleichzeitig fühlen sich bekennende Islam-Kritiker wie Reimann und Müri in ihrer Denkweise bestätigt und werden ihre Haltungen womöglich verhärten.
Die Voreingenommenheit auf beiden Seiten war schlichtweg zu gross. Aus der Sicht des VIJS steht es jetzt quasi 1:1. Weder sie noch die JSVP konnten ihren Anlass so durchführen, wie gewollt. Nach dem versuchten Podium fingen die Diskussionen erst richtig an. In angeregten Gesprächen wurde klar, dass eine gemeinhin distanzierte Haltung beider Seiten einander gegenüber besteht, die Dialogbereitschaft jedoch durchaus vorhanden wäre.
Islam-Anlass für Herbst 2011 geplant
Seitens von Info8.ch wird nun geprüft, ob Exponenten beider Parteien bereit wären, an einem ausgewogenen Dialog teilzuhaben. Geplant ist eine kontradiktorische Gesprächsrunde, bei der gleich viele Exponenten der SVP sowie der Islamischen Bewegung der VIJS und IZRS teilnehmen. Vorgesehen ist der Anlass für kommenden Herbst vor den Wahlen. Als Veranstalter soll nicht mehr eine politische Partei, sondern eine unabhängige Internetplattform fungieren. Beide Kontrahenten, Anian Liebrand von der JSVP sowie Florim Steiner vom VIJS, signalisierten bereits ihre Bereitschaft, sofern die Bedingungen beider erfüllt werden können.
Zumindest in einer Hinsicht haben die beiden Seiten eine Übereinkunft erkannt. Die aufgelegten JSVP-Petition „Kein Sexualunterricht für 4-Jährige“ wurde mit Freuden unterschrieben und einige Muslime haben sogar Bögen auf Vorrat mitgenommen. Da erkennt man, dass die Perspektive so unterschiedlicher Gruppen sich doch in manchem ähnelt.
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