Schweizer Fussball-Stadien stehen immer wieder im Brennpunkt gewalttätiger Ausschreitungen. Nun will das Bundesamt für Sport einschneidende Massnahmen durchsetzen, welche die Fans erziehen soll. Eine Politik, die wieder einmal die Falschen trifft und sogar zum Boomerang mutieren könnte.
Schon zu Zeiten der alten Römer prägte der Satiriker Juvenal den Ausdruck „Brot und Spiele“. In diesem Zusammenhang ist gemeint, dass das erzürnte Volk mit eben diesen Zutaten ruhig gehalten werden könne. Praktisch jede Entmündigung und Freiheitsberaubung konnte von den römischen Kaisern durchgesetzt werden, indem das „gemeine Fussvolk“ durch Grossveranstaltungen wie Gladiatorenkämpfe oder Wettrennen abgelenkt und besänftigt wurde. Auch heute noch ist diese Grundregel für die herrschende Klasse gültig. Allen voran stehen die Fussball-Wettkämpfe, vor allem in Europa und Südamerika, im Vordergrund.
Die wöchentlich statt findenden Spiele vermögen es, dass der allgemeine Fokus von politischen und wirtschaftlichen Themen hin zu König Fussball (oder Eishockey, Schwingen etc.) gerichtet wird. Was an und für sich eine schöne Abwechslung zum Alltag sein kann, wird in letzter Zeit vermehrt zum Druckventil für gesellschaftliche Disharmonie. So geschehen beim vergangenen Zürcher Derby zwischen dem Grasshoppers Club und dem FCZ. Einige wenige „Fans“ des FC Zürich verliessen ihre Zone im Stadion und bewegten sich zu den GC-Fans. Dabei kam es zu Ausschreitungen und die Gewalt eskalierte sogar so weit, dass brennende Pyro-Fackeln in die Zuschauermenge geworfen wurden. Dies ist kein Einzelfall. Schon bei früheren Spielen fielen die FCZ-Fans dahingehend negativ auf, dass sie brennende Fackeln in die gegnerischen Sektoren warfen. Bedenkt man, dass diese „Pyros“ mit über 1000°C brennen, ist das ein beängstigender Umstand. Nun will das Bundesamt für Sport tätig werden und eine „Nulltoleranz-Politik“ einführen. Treffen wird es wieder die Falschen und der Dampfkessel der Wut wird nur noch heisser aufkochen.
Mit ID aber ohne Fahnen
Wie 20 Minuten Online berichtet, sollen laut Matthias Remund, Direktor des Bundesamts für Sport, die Fans künftig nur noch mit Identitätskarte (ID) in die Stadien rein kommen dürfen. Der Zweck dieser Massnahme sei es, eine vollständige Überwachung der Zuschauer zu gewährleisten, damit rechtliche Schritte umso schneller eingeleitet und sogenannte „Bösewichte“ abgeschreckt werden können. Weil die meisten Fackeln aber via Fahnen und Transparente in die Stadien hinein geschleust werden, sollen diese gleich ganz verboten werden. Das würde dazu führen, dass ein wesentlicher Bestandteil der Fankultur zerstört wird. Laut Remund ist dieser Umstand jedoch sekundär. „Natürlich sind Fahnen für Fans ein Heiligtum. Die Sicherheit hat aber Priorität. Werden Fahnen missbraucht, sind Massnahmen nötig.“ Wird das Fahnen-Verbot umgesetzt, so würden viele eingefleischte „Supporter“ ihres stärksten Ausdruckmittels beraubt. Die Politik glaubt also nicht mehr an eine friedvolle Umsetzung der Mannschaftsunterstützung. „Wir müssen eine neue Fussballkultur entwickeln mit Nulltoleranz. Und da sie sich leider nicht selber entwickeln kann, braucht es ein klares Korsett.“
Massnahme trifft die Falschen
Sieht man sich die Bilanz der letzten 5 Jahre an, so scheinen die von der Politik angedachten Massnahmen etwas gar extrem. In etwa 5 bis 6 Spielen kam es zu schwereren Ausschreitungen, bei denen die Fans ihre Sektoren verliessen und das Spielfeld betraten oder mit Fackeln um sich warfen. Klar sind solche Gewaltakte zu verurteilen. Zählt man jedoch alle Spiele in der Schweizer Liga und im Cup zusammen, so sind dies ca. 1000 Spiele, bei denen es in unter 1 % der Fälle zu gewalttätigen Ausschreitungen innerhalb der Stadien kam. Was ausserhalb der Stadien passiert, liegt wiederum nicht in der Macht der Vereine und Stadionbetreiber. Ganz offensichtlich versucht die Politik eine Symptombekämpfung zu betreiben. Denn eines ist klar. Die Gewaltakte an den Sportveranstaltungen sind nicht das Resultat einer aggressiven Fankultur, sondern ein Auswuchs der gesellschaftlichen Missstände, die mitunter in flächendeckender Unzufriedenheit mündet.
Solange die Leute immer ärmer werden und sich eine zunehmende Perpektivlosigkeit breit macht, solange werden solche Grossveranstaltungen genutzt, um dem Ärger Luft zu verschaffen. Das Stadion als Ort, wo man einmal in der Woche dem tristen Alltag entfliehen und „mal so richtig die Sau raus lassen“ kann. Beraubt man die „richtigen“ Fans noch ihrer einzigen visuellen Ausdrucksmöglichkeit, so werden sich diese aus Rache oder Frust mit den Chaoten verbrüdern und die Sportkultur im Land wird von noch mehr Gewalt heimgesucht werden.















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